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Interview mit Holly Cole (Juli 2003)
Bringen wir gleich zu Beginn die obligatorische Frage nach den musikalischen Helden hinter uns.
COLE: Stevie Wonder steht ganz oben auf der Liste. Er besitzt ein enormes Feeling in all seinen Schaffensbereichen, sei es beim Gesang, beim Songschreiben oder beim Instrumentalspiel. Ich finde ihn vor allem auch als Drummer fantastisch.
Gutes Stichwort. Als wir uns das letzte Mal trafen, erzähltest du, du hättest angefangen, Schlagzeug zu spielen. Was ist daraus geworden?
COLE: Inzwischen kann ich’s ganz gut. Ich übe auch wie verrückt.
Spielst du auch auf der Bühne?
COLE: Selten. Mein Drummer ist einfach zu gut, dem kann ich leider nicht das Wasser reichen. Also soll er lieber den Job machen. (lacht) Ein paar von meinen Fans haben aber herausbekommen, dass ich Schlagzeug spiele und fordern mich bei Konzerten manchmal auf, mich ans Drumkit zu setzen. Meistens mache ich das dann auch, als kurze Showeinlage gewissermaßen, aber es kommt immer auf die Klamotten an, die ich auf der Bühne trage. Schlagzeug spielt man bekanntlich mit gespreizten Beinen. Wenn ich also einen sehr kurzen Rock anhabe, muss sich im Zweifelsfall unser Drummer mit einem Handtuch vor mir postieren, damit die Zuschauer keine freie Sicht auf gewisse Körperpartien haben... (lacht)
Ach, bist du entgegen allen bisherigen Eindrücken womöglich schüchtern?
COLE: Was das angeht, schon. (lacht) Ich zeige gern viel von mir, aber alles hat seine Grenzen. Ein paar Dinge sollten meinem Freund vorbehalten bleiben...
Zurück zu den Helden.
COLE: Okay: Betty Carter, Sarah Vaughan, Tom Waits, Lyle Lovett, k.d. lang.
Kennst du k.d. langs Duett-Version von "Moonglow" — einem Stück, das auch auf deiner neuen CD zu finden ist — mit Tony Bennett auf dessen "Unplugged"-Album?
COLE: Ich bin mir nicht ganz sicher. Könnte aber durchaus sein. Bennett und lang haben ja auch ein komplettes Duett-Album zusammen aufgenommen, das ich zufällig mal bei jemandem gehört habe und sehr schön fand. Und wenn ich jetzt so darüber nachdenke, wäre es durchaus möglich, dass ihre Version von "Moonglow" unterbewusst eine Rolle gespielt hat, als ich den Song für mein eigenes Album aufnahm. Übrigens sollte ich kürzlich ein Konzert mit Tony Bennett, k.d. lang und Diana Krall in Kanada geben — so nach dem Motto "Der Grandseigneur und die Ladies des Jazz". Leider fand das Ganze nicht statt, weil Bennett aus irgendeinem Grund an der kanadischen Grenze die Einreise verweigert wurde. Ist das nicht furchtbar? Ich war schon so aufgeregt, und dann löste sich das Ganze einfach in Luft auf! Hoffentlich bekomme ich irgendwann noch einmal die Chance, mit diesen Leuten auf der Bühne zu stehen.
Welches Album würdest du zuerst retten, wenn dein Haus in Flammen stünde?
COLE: Das ist eine von diesen gemeinen Fragen, die mich in Gewissenskonflikte stürzen. Es gibt so viele Platten, die ich retten müsste.
Es bleibt aber nur Zeit für eine.
COLE: Okay, dann nehme ich etwas, was man nicht von mir erwarten würde: entweder eine Scheibe von George Jones oder eine von Gustav Mahler. Lass mich überlegen... (grübelt kurz) George Jones, ich rette George Jones.
Warum ausgerechnet George Jones?
COLE: Weil ich total auf alte Country-Sachen stehe: George Jones, Hank Williams und all diese Leute. Das sind große Songwriter. Ich würde wahnsinnig gern mal ein Duett-Album mit George Jones machen.
Was ist deiner Meinung nach deine größte Stärke?
COLE: Meine größte Stärke ist gleichzeitig auch meine größte Schwäche: Ich kann mich sehr stark auf etwas fokussieren, manchmal leider so sehr, dass ich den Blick für die Dinge drumherum verliere. Das ist weniger in meiner Musik ein Problem als in meinem Privatleben. Oft bin ich so sehr mit der Musik beschäftigt, dass ich die Menschen, die mir nahe stehen, vernachlässige.
Was hast du während des Entstehungsprozesses von "Shade" über dich gelernt, das du vorher noch nicht wusstest?
COLE: Eine ganze Menge. Vor allem, dass ich in der Lage bin, etwas zu erschaffen. Das liegt vermutlich daran, dass ich bei diesem Album erstmals auch als Produzentin fungiert habe, wodurch sich meine Vorstellungen noch viel präziser umsetzen ließen als in der Vergangenheit. Das ist in etwa mit jemandem vergleichbar, der nicht nur den Bauplan eines Hauses entwirft, sondern das Gebäude auch mit seinen eigenen Händen erbaut. Und ich meine diesen Vergleich nicht nur im übertragenen Sinne. Denn ich habe mir in meinem Haus tatsächlich ein kleines Studio ausgebaut. Kannst du dir vorstellen, was das bedeutet? Ich musste mich mit technischen Dingen anfreunden — ich, die Technik-Hasserin! (lacht) Ich bin stolz, dass ich da meinen inneren Schweinehund überwunden habe. Die meisten Dinge hasst man ja ohnehin nur, weil man sie nicht versteht. Weil ich technische Zusammenhänge nie begriff, habe ich mich auch nie mit Technik befasst — wie so ein kleines, trotziges Kind. Aber ich hab’ mir gedacht, es wäre mal an der Zeit, dass die kleine Holly erwachsen wird... (lacht)
Und was ist nun neu an der erwachsenen Holly?
COLE: Der ganze Aufnahmeprozess als solcher. Wenn du ein Studio im eigenen Haus hast, kannst du zu jeder Tages- und Nachtzeit aufnehmen und musst auf niemanden Rücksicht nehmen, was sich vor allem bei den Vocals bemerkbar macht. Denn die Stimme ist ein launisches Instrument, hat ihre eigenen Stimmungen. Manchmal ist sie kraftvoll, manchmal brüchig, das kann man nur schwer beeinflussen. Von daher kommt es einem Sänger sehr gelegen, seine Parts genau dann einsingen zu können, wenn die Stimme "bereit" ist. Ich könnte es mir finanziell gar nicht leisten, monatelang ein großes Studio anzumieten, um auf den idealen Zeitpunkt zu warten, meine Songs einzusingen. Zuhause hingegen funktioniert das ganz hervorragend. Außerdem konnte ich in meinem kleinen Studio auch an den Arrangements der Songs herumtüfteln, viele verschiedene Dinge ausprobieren, um anschließend in einem großen Studio in möglichst kurzer Zeit alles unter Dach und Fach zu bringen. Oft kommen mir im Studio ganz spontan Ideen in den Sinn, für deren technische Umsetzung man allerdings fünf oder sechs Stunden braucht. Das hat zur Folge, dass die Musiker stundenlang herumsitzen und warten müssen, was in einem angemieteten Studio nicht nur Unsummen an Geld, sondern auch eine Menge Energie und Spielfreude verschlingt. Nimm’ zum Beispiel den Song "Heatwave" von meinem neuen Album: Wenn du dir das Intro anhörst, wirst du feststellen, dass es nichts mit dem von Marilyn Monroe gesungenen Original gemein hat, sondern von mir dazugeschrieben wurde. Das war einer dieser Momente, in denen ich eine Idee hatte und wir, also die Band und ich, uns alle Zeit der Welt nahmen, sie auszuarbeiten. Eine sehr komfortable und befreiende Arbeitsweise.
Wieviel Mitspracherecht haben deine Musiker beim Arrangieren der Songs?
COLE: Ziemlich viel. Einige Arrangements gehen zwar komplett auf mein Konto, aber den Großteil der Songs habe ich mit der Band zusammen arrangiert. Meine Musiker kennen meinen Musikgeschmack und meinen Hang zum Minimalismus inzwischen so gut, dass wir meistens reibungslos Hand in Hand arbeiten können. Die würden nicht auf die Idee kommen, irgendwo ein Speedmetal-Drumsolo einzubauen... (lacht) Was ich damit sagen will: Wir ticken in etwa gleich, was das musikalische Verständnis angeht. Das Zusammenspiel zwischen uns funktioniert sozusagen blind. Wenn ich Lust habe, zwischendurch mal zu improvisieren, dann steigen die Jungs sofort mit ein. So etwas kann man sich mit Geld nicht erkaufen. Ich habe eine regelrecht familiäre Beziehung zu meinen Musikern, was nicht zuletzt auch eine Grundvoraussetzung dafür ist, dass man sich auf Tourneen nicht in die Haare kriegt. Es ist mir extrem wichtig, mit Menschen zusammen zu arbeiten, denen ich nicht nur auf musikalischer Ebene vertrauen kann.
Wer entscheidet bei euch, welche Songs auf ein Album kommen?
COLE: Ich allein.
Nach welchen Kriterien hast du das Songmaterial diesmal ausgesucht?
COLE: Glaub’ es oder nicht — "Shade" ist eine Sommerplatte!
Ich glaub’s in der Tat nicht so ganz...
COLE: ...und hast auch vollkommen recht, denn es ist zwar eine Sommerplatte, aber eine Sommerplatte im Holly-Cole-Stil. (schmunzelt) Welcher Jahreszeit würdest du "Shade" zuordnen?
Größtenteils dem Herbst, ein bisschen dem Sommer und ein ganz kleines bisschen dem Frühling.
COLE: Größtenteils dem Herbst — das habe ich mir gedacht. Im Grunde ist es ja auch so: Ich wollte eigentlich ein Sommeralbum machen, aber wenn jemand wie ich so einen Plan hat, wird am Ende ein Herbstalbum daraus. (lacht) Glücklicher Zufall immerhin, dass "Shade" im Herbst veröffentlicht wird. Ehrlich gesagt mag ich den Herbst von allen Jahreszeiten auch am liebsten, aber diesmal hatte ich mir in den Kopf gesetzt, nur Songs aufzunehmen, die irgendetwas mit dem Sommer zu tun haben. Wobei jetzt nicht unbedingt alle Texte ausdrücklich vom Sommer handeln, sondern vielmehr etwas besitzen sollten, das ich selbst mit dem Sommer verbinde. Ich gebe zu, dass vielleicht der eine oder andere Hörer diese ganz persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen, die ich mit diesen Songs verknüpfe, nicht unbedingt nachvollziehen kann, aber darauf kam es mir auch gar nicht an. Mir ging es eher daraum, eine Sommerplatte zu machen, die sich von anderen Sommerplatten, bei denen es sich meistens nur um seichte Klänge und Strandphantasien dreht, unterscheidet. Natürlich ist es schön, im Sommer Zeit am Strand zu verbringen, aber ich finde viele andere Dinge, die der Sommer mit sich bringt, viel spannender. Diese unglaublich warmen Nächte zum Beispiel, in denen man kein Auge zu bekommt. Oder diese heftigen Gewitter, bei denen sich von einer auf die andere Sekunde der Himmel verdunkelt und der Regen nur so heruntergeschüttet kommt, dass man sofort nass bis auf die Knochen ist. Oder diese drückend heißen Nachmittage, diese "lazy afternoons" — so heißt auch einer der Songs auf "Shade" —, an denen für den Bruchteil einer Sekunde die Erde still zu stehen scheint, alles um einen herum emotions- und leblos wirkt und man sich hinterher fragt: "Was war das gerade?" Das sind Dinge, die ich mit dem Sommer assoziiere, wunderschöne Dinge, wie ich finde.
Wenn du "Shade" als Sommerplatte definierst, dann handelt es sich wohl um eine der wenigen Sommerplatten, die man das ganze Jahr über auflegen kann.
COLE: Ganz genau. Zumal ein Song wie "God Only Knows" textlich nicht den geringsten Hinweis auf eine Verbindung zum Sommer beinhaltet, aber schon allein durch die Tatsache, dass der Song im Original von den Beach Boys stammt und die Beach Boys für Sommermusik stehen, dennoch etwas mit dem Sommer zu tun hat. Das ist jedenfalls meine Logik. (schmunzelt)
Warum hast du dann nicht einen der beschwingteren Songs der Beach Boys ausgewählt?
COLE: Mal ehrlich, kannst du dir vorstellen, dass ich so etwas wie "Fun fun fun ‘til her daddy takes the T-Bird away" singe?
Nicht wirklich.
COLE: Ich auch nicht.
Anderes Thema: Besteht bei Coverversionen nicht generell die Gefahr, sich mit dem Original messen zu müssen?
COLE: Nun, zunächst einmal müsste man den Begriff Coverversion definieren. Für "Shade" habe ich "It Never Entered My Mind" von Rodgers & Hart aufgenommen, gecovert, wie du sagst. Ella Fitzgerald hat diesen Song auch gesungen, aber in ihrem Fall würde wohl niemand von einer Coverversion sprechen, auch wenn Sarah Vaughan den Song schon vor ihr aufgenommen hat. Ist das nicht seltsam? Das Wort "Coverversion" ist recht modern und existierte noch nicht, als "It Never Entered My Mind" geschrieben wurde. Erst als in den sechziger Jahren die Singer/Songwriter-Welle aufkam, bediente man sich dieses Begriffes, um hervorzuheben, wer die Songs wirklich geschrieben hat. Das kann ich nur bedingt nachvollziehen, denn nicht alle Songwriter schreiben ihre Stücke aus hehren Gründen. Man weiß, dass man eine Menge Geld machen kann, wenn man eigene Songs schreibt, weil es Plattenfirmen gibt, die diese Songs berühmt machen, um ebenfalls eine Menge Geld daran zu verdienen. Im Übrigen — und ich schweife jetzt vielleicht ein wenig vom Thema ab, aber das muss gesagt werden — höre ich in letzter Zeit auffallend viele Künstler, bei denen ich entweder denke, es wäre besser, sie sängen ihre eigenkomponierten Songs nicht selbst, oder es wäre besser, sie sängen Songs, die sie nicht selbst geschrieben haben. Es gibt viele gute Songwriter, die nicht singen können und genauso viele gute Sänger, die nicht besonders gute Songs schreiben. Warum genügt es diesen Leuten nicht, sich auf eins von beidem zu konzentrieren? Natürlich sind diese beiden Kunstformen miteinander verknüpft, aber sie können auch eigenständig existieren. Und der Grund, warum ich so viele Songs singe, die vor den sechziger Jahren geschrieben wurden, ist nicht etwa der, dass ich übermäßig nostalgisch wäre — ganz im Gegenteil, ich bin im Grunde überhaupt nicht nostalgisch —, sondern der, dass sie zum größten Teil von Leuten geschrieben wurden, die unglaublich talentiert auf diesem Gebiet waren und nicht den Fehler begingen, sich nebenbei auch noch auf andere Ausdrucksmöglichkeiten zu konzentrieren und ihre Songs womöglich selbst zu singen. Große Songwriter wie Rodgers & Hart schrieben nicht mit der Intention, Alben mit ihren Songs herauszubringen, sondern mit der Hoffnung, dass ihre Songs von den talentierten Sängern ihrer Zeit interpretiert würden. Oft wussten sie nicht mal, welcher Interpret welchen Song singen würde. Das ist der große Unterschied: Früher wurden die Songs eigens zur Interpretation geschrieben, während man heutzutage eher darauf bedacht ist, selbst geschriebene Stücke auch selbst zu singen.
Dennoch hat der Hörer doch meistens die von ihm favorisierte Version eines Klassikers im Ohr, mit der er dann zwangsläufig deine Neuinterpretation vergleicht.
COLE: Mag sein, aber das ist für mich kein Grund, die Songs nicht aufzunehmen, zumal, wie du bereits sagtest, jeder eine ganz bestimmte Version bevorzugt, und das ist von Hörer zu Hörer verschieden und muss nicht immer das Original sein. Wer weiß bei den alten Jazz-Standards denn schon, wer sie zuerst aufgenommen hat? Und wer will das überhaupt wissen? Mich interessiert es nicht sonderlich, wer die Songs schon mal gesungen hat und wer nicht, denn mir geht es ja gerade darum, den Sänger vom Song zu lösen, damit der Song zu meinem eigenen werden kann. Ich lege es förmlich darauf an, möglichst anders zu klingen als vorherige Sängerinnen und Sänger. Es gibt zwei Grundvoraussetzungen für mich, einen Song zu singen: Zum einen muss er mich in irgendeiner Weise berühren, und zum anderen muss ich das Gefühl haben, etwas Neues aus ihm machen zu können, ihm etwas zu geben, was ihm vor mir noch niemand so gegeben hat.
Wie bist du auf die dreizehn Songs — den Bonustrack "Mad About The Boy" mitgezählt — gekommen, die du für "Shade" ausgewählt hast?
COLE: Zum einen besitze ich eine große Plattensammlung und einen sehr breit gefächerten Musikgeschmack, und zum anderen liebe ich es, "musikalische Nachforschungen", wie ich es nenne, zu betreiben. Sobald ich irgendwo zufällig einen Song höre, der mir gefällt, setze ich alles in Bewegung, um herauszufinden, wie er heißt, von wem er stammt und so weiter. Dass das Material auf "Shade" so Jazz-lastig ausgefallen ist, war reiner Zufall. Auch die thematische Ausrichtung ergab sich eher zufällig. Wir hatten uns für fünf oder sechs Nummern entschieden, die sich am Ende auf dem Album befinden sollten, als ich plötzlich feststellte, dass mich all diese Songs an den Sommer erinnerten: "Heatwave", "A Cottage For Sale", "Lazy Afternoon"... Ich erinnere mich noch, wie ich meinen Manager anrief und ihn fragte, wann das Album voraussichtlich auf den Markt kommen würde, und er antwortete: "Wie wär’s mit Juni oder Juli?" Ich erwiderte: "Perfekt, denn dies wird ein Sommeralbum!" Und er: "Du machst ein Sommeralbum?" Und ich: "Ja, ich mein’s ernst, ein richtiges Sommeralbum — aber ein ganz spezielles." Wie speziell es ist, wissen wir ja jetzt: so speziell, dass es wie ein Herbstalbum klingt... (lacht)
Hast du jemals Feedback von den Songwritern bekommen, deren Stücke du über die Jahre gesungen hast?
COLE: Randy Newman hat mir mal gesagt, dass meine Version seines Songs "Same Girl" die beste ist, die er je gehört hat. Das war schon etwas Besonderes, wenn man das von einem so bedeutenden Künstler gesagt bekommt. Newman ist einer der wenigen modernen Songwriter, die es locker mit den Schreibern von früher aufnehmen können. Das Gleiche gilt für Tom Waits.
Mit dessen Songmaterial hast du ja mal ein komplettes Album gefüllt ("Temptation"). Hat es ihm gefallen?
COLE: Ich habe nicht die geringste Ahnung. Eigentlich wollten wir uns nach einer seiner Shows in Toronto mal treffen, aber mir kam leider etwas dazwischen. Hinterher erzählte man mir, er hätte noch lange nach dem Konzert auf mich gewartet. Das war mir natürlich doppelt peinlich — erst verpasse ich die einmalige Gelegenheit, Tom Waits zu treffen, und dann höre ich auch noch, dass er auf mich gewartet hat...
Hattest du denn keinen Kontakt zu ihm, als du "Temptation" aufnahmst?
COLE: Nein, und das absichtlich. Denn ich vermeide es nach Möglichkeit, die Schreiber der Songs, die ich aufnehme, persönlich kennen zu lernen. Ich möchte nämlich nicht wissen, in welchen Situationen sie die Songs geschrieben haben und was genau sie damit ausdrücken wollten, weil mich das nur bei meiner eigenen Interpretation beeinflussen würde. Ich bin ganz gut darin, zwischen den Zeilen zu lesen und mir einen Reim darauf zu machen, worum es in einem Songtext geht. Ich schreibe mir sozusagen meinen eigenen Subtext. Die Gedanken des Autors würden mich dabei nur verwirren und vielleicht auf eine falsche Fährte führen. Meine Interpretation eines Songs ist, ebenso wie die Interpretation eines jeden Hörers, nicht weniger wertvoll als die Intention des Schreibers.
Müssen die von dir ausgewählten Songs einen Bezug zu deinem eigenen Leben aufweisen?
COLE: Ja, aber das ist nicht unbedingt textbezogen. Der Subtext, von dem ich gerade sprach, also das, was ich als Bedeutung des Songs für mich selbst empfinde, muss mich ansprechen, mich berühren. Dann ist es auch nicht zwingend notwendig, dass ich mich in jeder einzelnen Zeile haargenau wiederfinde.
"We’ll turn Manhattan into an isle of joy" (aus "Manhattan") könnte jetzt, anno 2003, im Rückblick auf die Geschehnisse des 11. Septembers 2001 eine der wichtigsten Textzeilen des Albums sein.
COLE: Interessanter Aspekt. Ich habe mir ehrlich gesagt überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, bis du es angesprochen hast. Das ist genau das, was ich meinte: Jeder macht sich zu einem Text seinen eigenen Subtext. Als der Song geschrieben wurde, konnte man nicht mal erahnen, was am 11. September 2001 passieren würde, und dennoch ist es das, was du am stärksten damit verbindest.
Du scheinst aber auch wichtige Erinnerungen an New York zu haben, andernfalls hättest du den Song sicher nicht ausgewählt.
COLE: Stimmt, aber in meinen Erinnerungen spielt der 11. September nur eine untergeordnete Rolle. Obwohl... (grübelt) Vielleicht ist das auch schon wieder so eine unbewusste Sache, keine Ahnung. Manhattan im Speziellen ist mir auch gar nicht so wichtig, eher New York als Ganzes. Ich habe sehr extreme Erfahrungen in dieser Stadt gesammelt, einige der großartigsten und auch einige der schrecklichsten meines Lebens. Ich erinnere mich an heiße Tage, die mich manchmal fast zum Durchdrehen gebracht hätten, an Ängste und Gewaltszenen, an beschissene Hotelzimmer und beschissene Meetings mit beschissenen Plattenfirmenleuten. Aber ich erinnere mich auch an wundervolle Stunden in dieser riesigen Stadt mit ihren seltsamen Einwohnern und ihren kleinen Piano-Bars, in denen ich viel Zeit verbracht habe.
Hast du jemals darüber nachgedacht, eigene Songs zu schreiben?
COLE: Ja, schon, aber ich hatte im Grunde seit jeher wenig Interesse daran, weder am Komponieren noch am Texten. Übrigens finde ich es weniger schwierig, Musik zu schreiben, denn ein guter Text kommt auch mit nur mäßiger Musik über die Runden, aber gute Musik ist mit einem nur mäßigen Text schon ziemlich aufgeschmissen.
Ist das Songschreiben nicht die bestmögliche Form, sich als Musiker auszudrücken?
COLE: Ich weiß nicht recht. Jemand wie Ella Fitzgerald musste schließlich auch keine Songs schreiben, um sich voll und ganz ausdrücken zu können. Ab und zu mag ich es, Songteile zu ergänzen, die ich dann auch selbst schreibe, aber bislang hatte ich schlicht und ergreifend keine Lust dazu, komplette Songs zu schreiben. Ich möchte nicht ausschließen, dass ich es eines Tages vielleicht doch tun werde, aber momentan geht’s auch ganz wunderbar ohne.
Schwenken wir kurz zur Live-Künstlerin Holly Cole herüber: Auf den Besucher wirken deine Konzerte oft magisch, so intensiv ist die Performance. Gibt es Momente, die du selbst auch als magisch empfindest?
COLE: Auf jeden Fall. Wenn ich mich zwischen der Bühne und dem Studio entscheiden müsste, würde ich sofort ersteres wählen. Die Kommunikation mit dem Publikum, zu spüren, dass all diese fremden Menschen auf einer Wellenlänge mit mir liegen, das macht für mich die Magie eines Konzertes aus. Es begeistert mich auch immer wieder, dass in Ländern, in denen der Großteil der Zuschauer nicht wirklich gut Englisch spricht, trotzdem Kommunikation mit dem Publikum möglich ist. So etwas hält mich emotional gesund.
Ich erinnere mich daran, dass du geweint hast, während du "Same Girl" auf der Bühne sangst.
COLE: Ja, dieser Song nimmt mich immer sehr mit. Stücke, die einen emotional dermaßen stark berühren, egal in welcher Art und Weise, sind der Idealfall eines Songs. Denn sie spiegeln das Leben nicht nur wider, sondern geben dem Künstler und auch dem Hörer die Möglichkeit, dieses kleine Stück Leben nachzuempfinden. "Same Girl" ist ein perfektes Beispiel dafür. Unglaublich, wie simpel und doch ausdrucksstark Randy Newman hier mit wenigen Zeilen auskommt — große Poesie, wunderschöne Musik und kein einziges überflüssiges Wort.
Wie gehst du mit der Einsamkeit auf Tourneen um?
COLE: Ganz unterschiedlich. Einsamkeit kann sowohl positiv als auch negativ empfunden werden. Es kommt auch immer darauf an, wie lange man auf Tour ist. Meine Mutter hatte immer einen wunderbaren Satz für mich parat: "Wie kann ich dich vermissen, wenn du nie weggehst?" (lacht)
Nette Mum...
COLE: Ja, ist sie nicht reizend? Glücklicherweise sagt sie diesen Satz nicht allzu häufig... (lacht) Aber irgendwie ist ja auch etwas Wahres dran. Oft weiß man die Dinge erst zu schätzen, wenn man sie entbehren muss. Und es sind nicht nur die Menschen, die einem nahe stehen, die man auf Tour vermisst, es ist vor allem auch die vertraute Umgebung: Natürlich vermisse ich meinen Freund, wenn ich unterwegs bin, aber genauso vermisse ich auch mein Haus, mein Schlagzeug, sogar meinen Garten. Ich stehe neuerdings total auf Gartenarbeit. (lächelt verschämt)
Klingt irgendwie britisch.
COLE: Ja, ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Ich schätze, ich werde alt. (lacht) Na ja, ehrlich gesagt ist es auch weniger die Arbeit, als vielmehr die Ruhe, die ich am Garten schätze. Mir geht’s mehr darum, gemütlich im Gartenstuhl zu sitzen, Zigaretten zu rauchen und Martinis zu schlürfen, als Unkraut zu jäten... (lacht) Aber zurück zu deiner Frage: Man muss sich mit dem Leben on the road arrangieren, sonst frisst einen die Einsamkeit auf. Auf der anderen Seite freut man sich auf Tour über jeden Tag, an dem man nicht all die Dinge erledigen muss, die man zuhause am meisten hasst: sauber machen, aufräumen, Luftfilter wechseln, Kühlschränke abtauen... (lacht)
Sind Hotelzimmer inzwischen zu einem zweiten Zuhause für dich geworden?
COLE: Ja, weil ich sie mir zu einer Art Zuhause herrichte: Ich bringe einige Utensilien mit, um mich wohler zu fühlen. Was niemals fehlen darf, sind Kerzen, meine Stereoanlage und mein Stofftier.
Stofftier? Das hätte man nun auch nicht von dir erwartet...
COLE: Ich wusste, du würdest mich dafür auslachen. Aber es ist nichts Schlimmes, bloß ein kleiner Stoffhund — und der ist nicht mal pink... (lacht)
Wechseln wir lieber das Thema. Kennst du Robbie Williams?
COLE: Ja, vom Namen. Der scheint ein enormer Star bei euch zu sein.
Richtig. Und er hat mit seinem Swing-Album unter europäischen Musikliebhabern zwischen 14 und 24 kurioserweise wahrscheinlich mehr für die Popularisierung des Jazz getan als alle Jazz-Künstler der letzten zwanzig Jahre zusammen. Meinst du, dass der Jazz nur eine vorübergehende Mode ist, wie die Swing-Welle vor einigen Jahren?
COLE: Keine Ahnung. Aber selbst wenn — ist doch schön, wenn die Kids überhaupt mal mit Jazz in Berührung kommen. Jugendliche brauchen leichte Musik, über die sie sich nicht den Kopf zerbrechen müssen. Und wenn dieser leichte Jazz, mit dem einige Kolleginnen und Kollegen derzeit weltweite Erfolge feiern, dazu beiträgt, dass die Heranwachsenden über leichte Musik an Tiefgründigeres herangeführt werden, dann gibt es daran überhaupt nichts auszusetzen.
Kurbelt der momentane Erfolg von Jazz-Pop-Sängerinnen wie Norah Jones oder Diana Krall auch deine Karriere weiter an?
COLE: Unbedingt. In Kanada verkaufe ich weitaus mehr Platten als alle anderen Jazz-Sänger, meine Alben bekommen dort sogar Gold- und Platin-Auszeichnungen. Aber global gesehen kann mir der Erfolg von Norah Jones und Diana Krall, die ich übrigens beide für sehr interessante Künstlerinnen halte, nur dienlich sein.
Du hast ja auch schon deutlich poppigere Tage hinter dir, für deine Verhältnisse war die CD "Dark Dear Heart" aus dem Jahr 1997 schon fast ein echtes Popalbum.
COLE: Ja, für meine Verhältnisse. So ist das bei mir: Mein Sommeralbum ist ein Herbstalbum, und meine Popscheibe ist ‘ne Jazzscheibe... (lacht)
Auf "Dark Dear Heart" ist sogar ein Song aus der Feder von Sheryl Crow zu finden: "You Want More". Hat sie den eigens für dich geschrieben?
COLE: Nein, aber sie hat ihn mir überlassen und ihn nicht selbst aufgenommen. Der Kontakt kam über Larry Klein zustande, der "Dark Dear Heart" produzierte.
Hast du mit Sheryl Crow über den Song gesprochen?
COLE: Nein, das war auch wieder einer dieser Fälle, in denen ich bewusst den Kontakt zum Songwriter vermieden habe, um mich nicht beeinflussen zu lassen.
Seid ihr euch nicht im Rahmen der "Lilith Fair"-Tour (von Sarah McLachlan ins Leben gerufene Festival-Tour, bei der ausschließlich weibliche Künstler im Mittelpunkt standen, u.a. Jewel, Shawn Colvin, Meredith Brooks und eben Holly Cole und Sheryl Crow) über den Weg gelaufen?
COLE: Nein. Wir haben zwar beide an "Lilith Fair" teilgenommen, jedoch auf unterschiedlichen Tourablegern. Aber dafür war Bonnie Raitt mit dabei. Und weißt du was? Ich habe jeden Abend mit ihr gemeinsam auf der Bühne gesungen! Unglaublich, oder? Ich meine, sie war wirklich die Grande Dame dieser Tour, in deren Schatten alle anderen Künstlerinnen standen. Du hast mich vorhin nach meinen Helden gefragt — Bonnie Raitt gehört definitiv auch dazu, sie ist eins meiner großen Idole. Und es kommt noch besser: Nicht nur, dass sie mich jeden Abend zur Zugabe ihrer Show auf die Bühne rief, sie kündigte mich auch noch mit folgenden Worten an: "Ich möchte euch meine Lieblingssängerin vorstellen: Holly Cole!" Unfassbar, oder?! Ich bin Bonnie Raitts Lieblingssängerin! Da musste ich mich schon ganz schön zusammenreißen, nicht ein paar Freudentränen zu vergießen. Und sie meinte das wirklich ernst, denn nach der Show kam sie zu mir und erzählte, welche meiner Songs sie am liebsten mag — stell’ dir das mal vor: Sie kannte jeden einzelnen Song von meinen Alben!
Welche Nummer habt ihr zusammen gesungen?
COLE: "Angel From Montgomery" von John Prine — auch einer von diesen Songwritern, die ich sehr schätze. Aber die Story ist noch nicht zuende. Etwa ein Jahr später rief mich Bonnie zuhause an und meinte: "Hallo Holly, ich gebe heute abend mit Eric Clapton eine Co-Headliner-Show in Toronto. Hast du Lust, vorbei zu kommen und ‘Angel From Montgomery’ mit mir zu singen?" Was für eine Frage! Natürlich bin ich hingefahren und habe nochmal zusammen mit Bonnie gesungen, in dieser riesigen Arena in Toronto. All das werde ich nie vergessen.
Welche Ziele hast du dir für dein weiteres Leben gesteckt?
COLE: Weißt du, wenn man seine Erfolge zu schätzen weiß — und ich rede jetzt nicht davon, wieviele Platten man verkauft oder wieviel Geld man auf dem Konto hat, sondern von nicht-materiellen Erfolgen —, dann hat man gar keine Veranlassung mehr dazu, sich Lebensziele zu setzen. Meine Eltern haben mich schon früh dabei unterstützt, meine Leidenschaft für die Musik in die richtigen Bahnen zu lenken, wofür ich ihnen heute noch dankbar bin. Als ich auf die Musikschule ging, hatte ich nur ein einziges Ziel: eines Tages mit den besten Musikern um die Welt zu reisen und live vor Publikum aufzutreten — und das ist exakt das, was ich heute tue.
Autor: Thomas "Killer" Köwing
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