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Sisters Euclid
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T&M 047: 15.00 Euro
"96 Tears" - 2010

1. 96 Tears
2. Dead Flowers
3. This Is The Day
4. How Many More Years
5. Good Morning Heartache
6. Oh Sweet Nuthin'
7. Love That Burns
8. Move Over
9. Travellin' Light
10. Cars Hiss By My Window
11. These Arms Of Mine
12. Dust Pneumonia Blues

Sisters Euclid feat. Sandy Dillon & Ray Majors – 96 Tears

Es ist schon so eine Sache mit der Erinnerung. Eine Million Songs hat man gehört im Leben, und doch scheinen nur wenige wirklich wichtig zu sein, abhängig von den Erfahrungen im eigenen Leben. „96 Tears“ ist ein Album über Songs, die wichtig sind oder werden können. Aber auch darüber, mit der Erinnerung und der eigenen Vergangenheit spielerisch umzugehen. „96 Tears“ könnte dazu auch ein Album sein, mit dem man auf die andere Seite von Dunkelheit und Schmerz gelangen kann. Es könnte einen Versuch wert sein.

Man findet auf diesem Album viele Songs, die von anderen berühmt gemacht wurden: Question Mark & The Mysterians, The Rolling Stones, Captain Beefheart, Howlin’ Wolf, Billie Holiday, The Velvet Underground, Fleetwood Mac (Mark 1), Janis Joplin, The Doors, Otis Redding und Woody Guthrie. Legenden der Musik allesamt, manche sogar Helden der Kulturgeschichte. Ihre Songs repräsentieren Musikgeschichte auf ganz unterschiedliche Art und Weise – vom Obskuren zum Ikonischen. Songklassiker wie diese neu zu erfinden ist keine leichte Aufgabe, doch das wunderbare Quartett Sisters Euclid aus Toronto hat es nach seinen brillanten Neil Young-Interpretationen (Run Neil Run, T & M 035) erneut geschafft, diesmal unterstützt von zwei Gästen: der amerikanischen/exilbritischen Avantblues-Sängerin Sandy Dillon und ihrem musikalischen Gegenüber, der Gitarrist Ray Majors (ex-Mott The Hoople). Insgesamt eine transatlantische Kombination, die bestens funktioniert. Die sehr individualistische künstlerische Sensibilität der Amerikanerin in Europa wirkt dabei wie eine Brücke zwischen den verschiedenen musikalischen Welten, aus denen die Songs ursprünglich kommen.

Die erstaunlichen Sisters Euclid können (fast) alles unter der Sonne spielen. So hört es sich an, macht man sich mit dem Oeuvre der Band vertraut. Angeführt von Meistergitarrist Kevin Breit – nebenbei ein Veteran zahlloser Studiosessions von Norah Jones bis Casscandra Wilson – gibt es diese Band seit mehr als zehn Jahren. Allwöchentliche Auftritte im „Orbit Room“ zu Toronto haben sie in ihrer kanadischen Heimat zu einer kleinen Legende gemacht, vor allem aufgrund der Kompetenz und der Leidenschaft, mit der sie ihr vielschichtiges Repertoire interpretieren. Die Band besteht immer noch aus: Kevin Breit (Gitarren), Rob Gusevs (Keyboards), Ian de Souza (Bass) and Gary Taylor (Schlagzeug). Virtuosen auf ihren Instrumenten allesamt, gleichzeitig aber auch Teamspieler.
Die Aufnahmen für „96 Tears“ stammen aus dem November 2006 und wurden in Bremen gemacht.

Das Repertoire des Albums:

96 Tears (R. Martinez)
Als Rudy Martinez (AKA “Question Mark”) and The Mysterians ihren Klassiker um 1962 herum erfanden, konnten sie wohl kaum davon ausgehen, dass er ein halbes Jahrhundert später als einer der größten Rocksongs aller Zeiten betrachtet wird, Bezugspunkt auch für spätere Rock- und Punkhelden. Ein Stück Garagenrock aus Michigan für die Ewigkeit, mit einem genialen Riff als Markenzeichen, Inspiration für abertausende von Bands. Das Riff ist immer noch da. Sandy Dillons Vokal-Performance erinnert dabei an die quasi-religiöse Auffassung der Rock’n’Roll-Priesterin Patti Smith. “Too many teardrops for one heart to carry on…”

Dead Flowers (Jagger/Richards)
Nicht jeder hält The Rolling Stones für eine gute Country-Band, doch sie haben im Laufe der Jahrzehnte oft genug bewiesen, dass sie auch diese uramerikanische Musik adäquat interpretieren können. Dieser Song aus “Sticky Fingers” (1971) war einer der ersten Versuche der Stones im Country-Genre und ist ein besonders düsterer Vertreter, der ohne Scheu auch Drogen erwähnt. Sandy Dillon konzentriert sich auf die unheimlichen Aspekte des Songs. Kevin Breit liefert dazu einige Steel-Licks, die es durchaus mit den Meistern aus Nashville aufnehmen können.

This Is The Day (D. Van Vliet)
Don Van Vliet alias Captain Beefheart hat fast jeden avantgardistischen Blues-Interpreten inspiriert. Sandy Dillon ist da keine Ausnahme. “This Is The Day” ist ein für Beefheart-Verhältnisse geradezu heiterer Song. Ein Besuch auf der helleren Seite von Romantik und Liebe. Doch etwas lauert im Verborgenen und um die Ecke, so scheint es. Vielleicht ist es die Nähe zu Howlin’ Wolf, dem ultimativen Bluesmann, Lieferant der stimmlichen Blaupause für Beefheart und auch den späten Tom Waits…

How Many More Years (C. Burnett)
Im Original aus dem Jahr 1951. Einer der vielen Blues-Klassiker von Chester Burnett alias Howlin’ Wolf. “How Many More Years” wird hier von Sisters Euclid in einem funky half-time Groove geradezu neu erfunden, während Sandy’s Stimme kommt und geht… mit erbitterter Hingabe. Eine der besten Seiten von Sisters Euclid. Laut zu hören!

Good Morning Heartache (Drake / Fisher / Higginbotham)
Eine andere Seite der afroamerikanischen Tradition: die tragische Jazzballade, verkörpert von Billie Holiday wie von niemand anderem. Gestorben vor einem halben Jahrhundert, doch mit Geist und Seele gegenwärtig . “Good Morning Heartache” nahm Lady Day im Jahr 1946 auf, während einer unglücklichen Phase ihres Lebens. Oft wurde der Song von ihren Nachfolgern zurückgebracht in die Gegenwart, doch nur selten mit solch exquisitem Leid wie hier von Sandy Dillon.

Oh Sweet Nuthin’ (L. Reed)
Lou Reed hatte The Velvet Underground verlassen, als “Loaded” 1970 erschien, doch er hinterließ seiner alten Band einige herausragende Songs für ihr viertes Album: “Sweet Jane”, “Rock and Roll” and “Oh Sweet Nuthin’”. Mit dieser Neuinterpretation injizieren Sisters Euclid etwas Groove und Dynamik in den alten Reed-Song, und machen damit vielleicht sogar das grausame Schicksal der Song-Protagonisten etwas erträglicher…. Jimmy Brown, Ginger Brown, Polly May und Joanna Love haben zwar nichts mehr, doch zumindest die Musik stellt frische Energie zur Verfügung… Ein hoffentlich vorübergehendes Schicksal also – oder auch nicht.

Love That Burns (P.A. Green)
Ein frühes Meisterwerk von Peter Green’s Fleetwood Mac und ein Song, der im Original auf dem zweiten Album der Band “Mr. Wonderful” von 1968 zu finden ist. Eine Geschichte von tiefem Unglück, einer gescheiterten Liebe und gestorbener Leidenschaft. Eine von viel Gefühl erfüllte Neuinterpretation, geprägt von einer magischen und hypnotischen Bluesgewalt.

Move Over (J. Joplin)
In ihren frühen Zwanzigern war Sandy Dillon Bewohnerin der New Yorker Bohème-Herberge Chelsea Hotel. Sie trat auf in Clubs, später auch am Broadway - als Janis Joplin. “Move Over” war der Eröffnungssong auf Janis’ posthum veröffentlichtem viertem Album “Pearl”. Das tragische Schicksal dieser Rocklegende ist gegenwärtig geblieben für viele – damit auch dieser Song. Sandy Dillon singt ihn als Überlebende und Verehrerin.

Travellin’ Light (Mundy / Young / Mercer)
Eine zweite Billie Holiday-Homage und damit Bekräftigung ihrer Bedeutung im musikalischen Universum von Sandy Dillon. Die Stimmung des Songs ist dunkel, denn die Botschaft von neuer Unabhängigkeit trügerisch und ironisch. Diese neue Freiheit schmerzt und es ist ein Song wie gemacht für die lebenserfahrene Amerikanerin in England. Sisters Euclid liefern dabei das aurale Gegenstück zu einem unglücklichen Leben. In Zeitlupe - doch nicht bewegungslos.

Cars Hiss By My Window (Krieger / Densmore / Morrison / Manzarek)
Auch im klassischen Repertoire von The Doors regiert die Dunkelheit. Die Einsamkeit in der Nähe, in diesem Fall. Ein Song aus „L.A. Woman“, dem am meisten vom Blues geprägten Doors-Album. Im Jahr 1971 mit einem Jim Morrison, der bereits auf der Zielgerade seines irdischen Daseins war. Sandy Dillon und Sisters Euclid bewegen sich hier musikalisch zwar in der Domäne von The Doors, doch sie tun es mit Würde und mit Bestimmtheit.

These Arms Of Mine (O. Redding)
Eine klassische Ballade aus dem Songbook des Southern Soul von Otis Redding. Liebeskranke Sehnsucht und Verlassenheit. Das Flehen um Erlösung von einem wundersamen Schmerz…

Dust Pneumonia Blues (W. Guthrie)
Die Unbarmherzigkeit steht am Ende des Albums, mit einer von Woody Guthries berühmten Balladen aus der „Dust Bowl“, der Staubschüssel Oklahoma, die so viele Menschen krank und heimatlos machte. “Dust Pneumonia Blues” ist ein Stück gnadenloser Sozialrealismus, wie es sie nicht häufig gibt in der Musik, denn Tod und Krankheit stehen am Ende der Lebensreise der Protagonisten. Es ist ein unversöhnliches und auch erlösendes Ende.

Und so verlässt man die Welt der “96 Tears” wieder. Eventuell an einem anderen Ort als dem, von wo man zunächst kam. Man hat mutige Neuinterpretationen eines dunklen Lieder-Zyklus gehört und dabei auch an einer Feier der zeitlosen Magie von Songwelten teilgenommen. Es sind Songs, die schon lange gelebt haben und es auch weiterhin tun werden. Dieses Album soll einen Beitrag dazu leisten, denn die panoramaartige Auswahl des Repertoires blickt gleichzeitig zurück und nach vorn. Wahrhaftige Musik wird niemals verschwinden. Dieses Album ist dafür ein Paradestück. Ein Plädoyer gegen die Flachheit der industriellen gefertigten Popkultur der Gegenwart.