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Sandy Dillon
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T&M 042: 15.00 Euro
"Living in Dreams" - 2008

„Can’t run around too late at night / I wouldn’t be treating my baby right / Can’t afford to lose that man.“ Mit einem Bluesklassiker von Memphis Minnie beginnt das neue Album von Sandy Dillon. Zeilen, die ihren Fans das Blut in den Adern gefrieren lassen könnten. Denn im wahren Leben verlor Sandy Dillon ihren Mann wirklich. Im Jahr 2001 starb der Gitarrist Steve Bywater, langjähriger Kreativ- und Ehepartner der Exil-Amerikanerin in London. Er starb mit Anfang fünfzig an Herzversagen, bis heute ein großer Verlust. Doch Sandy Dillon machte weiter, ganz bewusst, in der ehemals gemeinsamen Wohnung im Londoner East End, mit Piano, Harmonium und Katze, mit alten Erinnerungen und neuen Plänen. Heute ist Sandy Dillon wieder verheiratet – erneut ist der Mann an ihrer Seite auch auf der Bühne ihr Partner: Gitarrist Ray Majors.

Der Verlust ihres Mannes war nicht der einzige Schicksalsschlag für Sandy Dillon. Krebs, der lebensgefährliche MRSA-Virus und eine Autoimmunkrankheit folgten. Mehrere Jahre wurden so aus ihrem öffentlichen Leben genommen. Sie war nun vor allem eine Patientin und durfte lange nur maskiert geschützte Besucher im Krankenhaus empfangen. „Pull The Strings“ (2006) dann das erste Album nach der beileibe nicht selbstverständlichen Genesung. Sandy Dillon war körperlich geschwächt, gebrochen jedoch war sie nicht.

Diese existentiellen Erfahrungen wirken allerdings bis heute nach, zu hören ist das auch auf LIVING IN DREAMS. Mit rabenschwarzem Humor seziert Sandy Dillon ihre bedrohlichen Erlebnisse: Konfrontation statt Flucht, der Blick in den Abgrund, ein Rendezvous im Himmel und auch in der Hölle. „Goin’ Down Hades / Gonna Have Myself Some Fun / Goin’ To Heaven / Gonna Get Myself Relief“. Luzifer und der Allmächtige dicht beieinander – auch auf LIVING IN DREAMS geht es bei der katholisch erzogenen Amerikanerin aus Boston ans Eingemachte. Musikalisch bleibt eine schroffe und doch gefühlvolle Dekonstruktion der Blues-Tradition ihr Thema. LIVING IN DREAMS präsentiert mit anderen Worten weitere Blues-Mutationen à la Dillon.

„You can’t travel out of your own head“. Alles Vergangene ist gespeichert und wirkt weiter, sagt Sandy Dillon. Zum Beispiel die Familie: In weiter Ferne und doch so nah im Song „Graves“ – ein Nachname, Grabsteine, Schwere und Ernst. Sandy Dillon ist fasziniert vom finalen Moment, vom gleißenden Licht am Ende des schwarzen Tunnels – auch durch eigene halluzinatorische Nahtoderlebnisse während der langen Krankheitszeit. Dann der Blick gen Himmel, doch die Erlösung bleibt aus. Musik als heilende Kraft allerdings bleibt. Für Sandy Dillon keine Utopie, sondern ein Heilungsversprechen für Künstler und Hörer gleichermaßen. Es folgt der „Bad Luck Blues“ – die Blues-Gründerväter Blind Lemon Jefferson und Robert Johnson textlich vereint im Hoodoo des alten Countryblues. Das Original von Jefferson 1926 in Chicago für die Nachwelt festgehalten, mehr als achtzig Jahre später neu belebt von Sandy Dillon in einem Tonstudio in Bremen.

Sandy Dillon kam nach Deutschland in Begleitung von Ray Majors (ex-Mott The Hoople, The Yardbirds) und des Londoner Avantgarde-Multitalents David Coulter (http://www.myspace.com/davidcoulter). Letzterer fungierte auch als Produzent und brachte ein einzigartiges Instrumentarium mit – von Maultrommel und singender Säge bis zu Nasenflöte und handgemachter Perkussion. Fühlbare Objekte statt digitaler Files, dazu eine durchaus lebensnahe Organisation des Klangs: mal komponiert, mal improvisiert.

Ein Blick zurück: Sandy Dillon wächst auf in Cape Cod, Massachussetts. „Kennedy Country“, wie Amerikaner in Anspielung auf die Herkunft des berühmten Politiker-Clans oft sagen. Schon mit sechs Jahren ist sie eine klassische Klavierschülerin, erlangt später einen Abschluss in „Traditional Composition For Orchestral Music“ an der Berklee School of Music. Mit zwanzig geht sie nach New York, spielt Piano in Underground Bars, lebt in der Bohème des Chelsea Hotel, produziert zwei Alben mit Bowie-Gitarrist Mick Ronson (die nie erschienen…) und sie gibt Janis Joplin auf einer Broadway-Bühne. Mitte der achtziger Jahre dann der Wechsel nach England, 1999 nach einigen Fehlstarts das großartige CD-Debut „Electric Chair“. Die Alben „East Overshoe“, „Nobody’s Sweetheart“ und „Pull The Strings“ folgen.

Im Frühjahr 2000 debutiert Sandy Dillon live in Deutschland beim Festival „Women in (E)motion“. Die Kritik verortet sie mangels weiblicher Alternativen in einem Dreieck Tom Waits - Captain Beefheart - Louis Armstrong. Sie selbst erwähnt auch Dylan, Janis Joplin und Hank Williams. Als eine Art Schamanin der Blues-Avantgarde wird Sandy Dillon gewürdigt und vor allem das kontinentaleuropäische Publikum schätzt die intensive Amerikanerin. Man mag ihre aufrüttelnden Stimm- und Klangwelten. Es ist ein minimalistischer Sound, den Sandy Dillon kreiert, mit schwarzhumoriger Do-It-Yourself-Punk-Attitüde, in schroffem Gegensatz zu allen glattgebügelten Blues-Klischees. Musikalische Dekonstruktion und emotionale Authentizität – das sind die grundlegenden Koordinaten. Für Sandy Dillon ist es Überlebens-Musik - „Music as a means for survival“.

Das gilt vielleicht auch für den Song „High-Flying Bird“, vor vielen Jahren zu finden auf einem Album der Folkrock-Sängerin Judy Henske. Ein Vogel im Flug, das universelle Symbol für persönliche Freiheit, beobachtet von der isolierten und depressiven Sängerin. Im Verlauf des Songs dann die Sonne und mit ihr der ewige Kreislauf der Natur. Auch Sandy Dillon begreift das Leben als Kreis, immer wieder begibt sie sich auf den Spuren der Erinnerung, in den Lauf der Zeit. In diesem haben auch Folk-Koryphäen wie Dave Van Ronk, Judy Henske oder Leo Kottke für sie Gewicht. „High-Flying Bird“ ist nicht zuletzt eine Verbeugung vor diesen Pionieren (und vielleicht vor den Hippie-Revoluzzern der Sechziger, denn auch Jefferson Airplane sangen einst diesen Song). Eine verspielte Hommage an das „Jazz Age“ folgt im Anschluss: Duke Ellington’s „Chocolate Shake“ – verzerrte Echos aus dem Cotton Club. Für Sandy Dillon verbirgt sich in der klanglichen Veränderung durch Übersteuerung ein Versprechen von Klarheit, denn die Überhöhung des Hässlichen fördert das Hervortreten verborgener Schönheiten. Dann „Saliva Gland“ – ein Horrortrip in Songform: die Flüchtigkeit des Lebens, der Kampf mit dem feindlich gewordenen Körper. Eine Blues-Mutation der medizinischen Art, gefolgt erneut von der Blues-Tradition: Brownie McGhee’s „Sporting Life Blues“, von aller biederen 12-Takt-Seligkeit entkleidet, zurückversetzt in einen Rohzustand.

Zum Ende schließlich der intensive musikalische Höhepunkt des Albums, die Ballade „Living in Dreams“. Sandy Dillon entführt ihre Hörer auf die Kirmes des Lebens und gleichzeitig in ihre eigene amerikanische Kindheit am Strand des Atlantiks. Die Achterbahn des Lebens hält hier nicht nur am Eisstand oder bei den Clowns. Gelegentlich auch in der Geisterbahn oder im Spiegelkabinett. Genau weiß man es nie – oder etwa doch? „Wir wissen alles / Wir wissen alles / Wir wissen / Wir wissen alles was es gibt / Wir leben in Träumen / Wir leben in Träumen…“. So singt sie auf beschwörende Art am Ende dieses großartigen Albums, das klingt wie nur Sandy Dillon klingen kann. Jede Song-Kollektion ein wahrhaftiger Ausdruck des Lebens, das ist das Credo, und man glaubt ihr jedes Wort. LIVING IN DREAMS bringt neue Überlebens-Musik von Sandy Dillon – intim und wild, sinnlich und hart, klug und gefühlvoll.







CD 1

1  

Can't Afford To Lose My Man  

03:30

2  

Goin' Down Hades  

03:08

3  

Graves  

05:47

4  

Bad Luck Blues  

07:38

5  

High Flying Bird  

03:25

6  

Lilly's Hurt Me Blues  

05:34

7  

Chocolate Shake  

02:38

8  

Saliva Gland  

04:39

9  

Sporting Life Blues  

02:24

10  

Living In Dreams  

07:09